Herzlich willkommen!

Startseite

Aktuelle Analysen

Finden sich hier (zuletzt aktualisiert am 03.02.2018).


Seit vierzig Jahren kämpft die PKK für Freiheit und Sozialismus in Kurdistan.

Von Peter Schaber (erschienen am 30.03.2017 in der Tageszeitung junge Welt)
 

Newroz-Fest der PKK in den Kandil-Bergen, dem Rückzugsgebiet der Guerilla im Nordirak an der Grenze zum Iran (März 2017). Foto: Willi Effenberger

Eingewickelt in jeweils drei Decken liegen wir eng beieinander, um die Kälte nicht zu spüren. Der Aladdin brennt auf Sparflamme. Der Petroleumbrenner wärmt kaum, verpestet aber die Luft in unserem kleinen Raum. Wir sprechen, lachen, hören kurdische Musik. Plötzlich fordert uns Heval Azad, einer unserer Gastgeber, auf, still zu sein. Er macht das Licht aus, die Gespräche verstummen. Wir sitzen schweigend im Dunkeln. In der Stille der Nacht nähert sich ein Motorengeräusch. Erst ganz leise, dann deutlich wahrnehmbar. Kaum eine Minute dauert der Spuk, dann ist wieder nichts zu hören, nur das Quaken der Frösche, das Plätschern unserer Wasserquelle und das gelegentliche Heulen von Wölfen.

»Flugzeug, Drohne, Hubschrauber?« frage ich. »Hubschrauber, ganz klar«, sagt Azad. Das Flapp-Flapp der Rotoren könne man doch gar nicht verkennen, meint der junge Guerillakämpfer. Reiseflugzeuge sind mit einem geschulten Ohr klar von Kampfjets und Bombern zu unterscheiden, außerdem kennt man ihre Routen und Flugzeiten. Wirklich wichtig sei nur das Geräusch der Drohne, denn die gibt die Koordinaten für Bombardements durch. Eine Drohne sei an ihrem Summen eindeutig zu identifizieren, wenn der Himmel klar und es Tag ist, kann man sie sogar sehen. Das Zischen von Kampfjets dagegen könne man getrost ignorieren, denn sobald man sie hört, weiß man, dass sie woanders hinfliegen: »Wenn du das Ziel bist, würdest du das Flugzeug ohnehin erst wahrnehmen, wenn die Kilotonnen Sprengstoff längst auf dem Weg zu dir sind. Dann ist es sowieso vorbei.«

Das Leben in den Bergen ist gefährlich und manchmal voller Entbehrungen. Dort, wo die Guerilla mich und den Fotojournalisten Willi Effenberger untergebracht hat, gibt es genug Nahrung, Gebirgsbäche, in denen wir uns waschen und aus denen wir trinken können, die Gefechtslage ist entspannt. »Aber es gibt Gegenden, da sind unsere Freunde vom Feind umstellt. Oft finden sie viele Tage lang nichts zu essen. Einer meiner Genossen hat sich dort vier Wochen von Blättern ernährt. An anderen Orten gibt es soviel Drohnenaktivität, dass man sich tagelang nicht bewegen kann, weil man riskieren würde, entdeckt zu werden.«

Im Winter ist es in den Hochgebirgen der Kandil-, Sab-, Gare- und Zagros-Region, in denen der bewaffnete Arm der PKK – die Volksverteidigungskräfte HPG und die Frauenguerilla YJA-Star – ihre wichtigsten Stützpunkte halten, eiskalt. Die Wege sind schwer zu begehen, ein falscher Schritt und man stürzt in den Tod. Feinde, die über hochentwickelte Waffen verfügen, lauern in allen Himmelsrichtungen: im Norden die Türkei, unterstützt von der NATO; im Süden die rechte kurdische KDP Masud Barsanis, die über die kurdische Autonomieregion im Nordirak herrscht; im Osten der Iran; und im Westen, in Rojava, neben dem »Islamischen Staat« und Dutzenden anderen islamistischen Milizen Ankaras Besatzungsarmee, die im August 2016 in Nordsyrien einmarschierte.

Vier Jahrzehnte Widerstand

Trotz dieser widrigen Bedingungen dauert der Kampf der PKK gegen die Unterdrückung der kurdischen Sprache und Kultur, gegen Diktatur, Ausbeutung und Unterdrückung seit vier Jahrzehnten an. Aus dem Projekt von etwa zwei Dutzend Revolutionären, die im November 1978 in einem kleinen Dorf in der Provinz Diyarbakir die Arbeiterpartei Kurdistans ins Leben riefen, wurde eine Massenbewegung, der heute Millionen Menschen weltweit angehören.

Wie war das möglich? Wieso traten Generationen junger Menschen den Marsch in die Berge an? Wie konnten sie, bewaffnet mit Kalaschnikows, Handgranaten und Doschka-Maschinengewehren den permanenten Angriffen moderner Armeen standhalten?

Ein Grund für die lange Fortdauer des Guerillakrieges ist die unverminderte Unterdrückung der Kurdinnen und Kurden durch die Türkei. »Ich habe die Grausamkeit, die der Feind dem kurdischen Volk antut, gesehen, ich habe sie miterlebt. Die türkische Armee hat Tausende Dörfer verbrannt. Sie hat Hunger als Waffe eingesetzt, um die Menschen gefügig zu machen. Ankaras Soldaten haben die Köpfe von Guerillakämpfern abgeschnitten und mit ihnen auf Fotos posiert, lange bevor es den Islamischen Staat gab«, erzählt Iskan Amed.

Früher, in den 1990er Jahren, war Iskan Amed Journalist. Er schrieb für die Wochenzeitung ­Azadiya Welat und war in zivilen politischen Strukturen der kurdischen Befreiungsbewegung im Südosten der Türkei aktiv. »Ich habe wirklich versucht, auf legalem Wege Widerstand zu leisten. Doch ich wurde immer wieder verhaftet und gefoltert.« 2003 fiel einer seiner Jugendfreunde im Guerillakampf gegen die türkische Besatzungsmacht. »Ich habe dann eine Entscheidung getroffen und bin selbst in die Berge gegangen.«

Die Verbrechen der türkischen Armee, die vor mehr als einem Jahrzehnt Iskan Amed dazu bewogen, in die PKK einzutreten, haben bis heute nicht aufgehört. Alleine im vergangenen Jahr haben Spezialkräfte des Erdogan-Regimes im Südosten der Türkei Dutzende Städte dem Erdboden gleichgemacht: Amed, Cizre, Nusaybin, Van, Gever – Orte mit Hunderttausenden Einwohnern wurden mit Artillerie, Panzern und aus der Luft angegriffen. Hunderte Zivilisten starben, Millionen Menschen wurden systematisch vertrieben und befinden sich auf der Flucht. Viele tausend legale Aktivisten der kurdischen Bewegung wurden eingekerkert, darunter Bürgermeister, Parlamentsabgeordnete, zahlreiche Journalisten. Wie in den 1980er und 1990er Jahren begann eine Kampagne extralegaler Hinrichtungen.

Die türkische Regierung sieht die kurdische Befreiungsbewegung als ihren Hauptfeind. Den erbarmungslosen Krieg gegen die Kurden führt sie nicht nur auf dem eigenen Territorium: Im irakischen Grenzgebiet fliegt die türkische Luftwaffe regelmäßig Angriffe auf Stellungen der Guerilla; in Nordsyrien marschierte Ankaras Armee zusammen mit einer Koalition islamistischer Terrorgruppen im August 2016 nahe Dscharabulus ein, um die Entstehung eines kurdischen Autonomiegebietes zu blockieren.

Seit vier Jahrzehnten setzen unterschiedliche türkische Regierungen, unterstützt von ihren ­NATO-Partnern, alle Waffen, über die sie verfügen, gegen die PKK und die mit ihr verbündeten Kräfte ein: Luftwaffe, Armee, Gendarmerie, Konterguerillamilizen aus kurdischen Kollaborateuren. Die militärischen Maßnahmen werden ergänzt durch einen umfassenden Propagandaapparat, psychologische Kriegführung und Versuche der Unterwanderung der Bewegung.

»Wir sind keine Soldaten«

»Obwohl der Feind all diese Mittel einsetzt, sind wir heute stärker als je zuvor«, erklärt Heval ­Azad. »Der Feind kann uns nicht schlagen, weil wir nicht einfach Soldaten sind.« Sicher, die Guerilla hält viele Verhaltensweisen der »Askerlik«, des soldatischen Lebens, hoch. Man sitzt ordentlich, kleidet sich angemessen, bewahrt Haltung und achtet auf Disziplin. Militärische Aktionen folgen einem Plan, es gibt hartes Training, und Pflichten müssen erfüllt werden.

Dennoch sind die Frauen und Männer der Guerilla keine Soldaten: »Wir kämpfen nicht für Geld, wir kämpfen nicht, weil es uns irgend jemand anderes befielt. Unser Fundament bilden unsere Ideologie und unsere Lebensweise. Wir haben starkes Vertrauen in das, was wir tun.«

Für die Guerilla noch wichtiger als die »Askerlik« ist allerdings die »Rehevalti«. Grob kann man das kurdische Wort mit »Freundschaft« übersetzen, wörtlich heißt es »Weggefährtenschaft«. Der Begriff beschreibt den Versuch, trotz und während des Krieges untereinander gelingende zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und überkommene Eigenschaften aus dem kapitalistischen, staatlichen System abzulegen. Für die Guerilla heißt als Mensch dasein Widerstand leisten – nicht nur gegen den äußeren Feind, sondern auch gegen eigene Fehler und Schwächen. »Berxwedan jiyane« – Leben heißt Widerstand leisten, sagen die Kämpfer.

Auf einer Kalschnikow ist das Abzeichen der Union der Gemeinschaften Kurdistans abgebildet (Aufnahme aus den Kandil-Bergen, März 2017). Foto: Willi Effenberger

»Wir wollen möglichst weit weg vom kapitalistischen System leben«, erklärt Iskan Amed. »Ein bisschen wie Adorno, der gesagt hat, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt.« In der Guerilla dagegen bestehe die Möglichkeit, all das, was einem die Sozialisierung in kapitalistischen Gesellschaften antrainiert hat, »auszukotzen«. Die sozialen Beziehungen innerhalb der Guerilla sollen, soweit es geht, das Wertesystem einer künftigen Gesellschaft widerspiegeln: gegenseitige Solidarität, Kollektivität, die Überwindung von Egoismus und patriarchalen Verhaltensweisen sowie die Fähigkeit zur permanenten Überprüfung der eigenen Handlungen durch Kritik und Selbstkritik. »Die Bindung unter den Genossen muss von Geld, Hab und Gut, Eigentum und Besitz, dem Dasein als Hausfrau oder Macho, dem Wunsch nach Konsumgütern, dem Hinterherlaufen hinter den eigenen Sehnsüchten und Lüsten, Machtbesessenheit, blindem Mut oder Furcht und allen ähnlichen Beziehungen, Gedanken, Aussagen und Taten (…) fernbleiben«, schreibt der PKK-Mitbegründer Abdullah Öcalan.

Von anderen revolutionären Traditionen unterscheidet sich dieser Weg vor allem in dem Punkt, dass der Aufbau anderer zwischenmenschlicher Beziehungen nicht auf einen fernen Tag nach dem großen Kladderadatsch verschoben wird, sondern im Kampf gegen Staat und Kapital beginnt. Sakine Cansiz, die Vorkämpferin der kurdischen Frauenbewegung, formulierte diese Theorie so: »Wir haben uns dem Sozialismus nie utopisch angenähert. Er war für uns nie irgend etwas ganz weit Entferntes. Wir haben eher geschaut, wie sich Freiheit, Gleichheit und Sozialismus verwirklichen lassen. Wie können wir anfangen, diese Prinzipien in unserem Leben umzusetzen? Wir haben immer Hoffnungen und Utopien gehabt, die wir nicht auf zukünftige Generationen projizieren wollten. Statt dessen haben wir angefangen, unsere Hoffnungen und Utopien im Hier und Jetzt umzusetzen.«

Urgesellschaft und Sozialismus

In der Guerilla findet dieser Prozess der Umgestaltung von Individuum und Kollektiv in einer absoluten Ausnahmesituation statt. Die Einheiten bestehen aus einer überschaubaren Anzahl von Menschen, die zudem 24 Stunden täglich miteinander verbringen, aufeinander angewiesen sind und schon deshalb Kollektivität leben und sinnvolle Konfliktlösungsmechanismen finden müssen.

Die kurdische Bewegung aber beschränkt den Aufbau neuer gesellschaftlicher Verhältnisse keineswegs auf ihre militärischen Strukturen. Überall, wo sie stark ist – von Kobani bis Machmur, von Amed bis Gever –, bauen ihre zivilen Teile rätedemokratische Strukturen und zivilgesellschaftliche Institutionen, kollektive Betriebe und Kooperativen auf. Im Zentrum dieses Systems stehen autonome Räte, mit denen wie in der europäischen Arbeiterbewegung ein von »unten« nach »oben« aufgebautes demokratisches System der Willensbildung etabliert werden soll. Neben dem allgemeinen Volksrat gibt es autonome Räte der Frauen und der Jugend. Alle diese Räte arbeiten in Komitees, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens abdecken sollen: Soziales, Konfliktlösung, Justiz, Bildung, Ideologie, Presse, Kultur und Sport, Diplomatie, Selbstverteidigung, Ökologie.

Die Sozialismusvorstellungen der PKK knüpfen dabei an lokale Traditionen nichtstaatlicher Gemeinschaften an. Die geschichtsphilosophische Theorie der Arbeiterpartei Kurdistans besagt, dass in Mesopotamien vor dem Entstehen staatsähnlicher Strukturen und großer Imperien ein urkommunistisches Zusammenleben existiert habe. Diese vor Tausenden Jahren im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, in den Ausläufern des Zagros-Gebirges existierenden »natürlichen Gesellschaften«, wie sie Abdullah Öcalan nennt, seien auf matriarchalen, ökologischen Prinzipien errichtet gewesen. Nicht sie selbst in ihrer primitiven Form, wohl aber ihre Werte und Prinzipien gelte es wiederherzustellen. »Wir wollen hinterfragen: Was bedeutet eigentlich Zivilisation? Mit welcher Denkweise ist sie verbunden?« sagt Iskan Amed. »Einerseits handelt es sich um Herrschaftssysteme, und zweitens sind diese mit dem Staat verknüpft. Jede auf Staatlichkeit beruhende Form von Gesellschaft ist auf dem Blut der Bevölkerung errichtet worden.« Die Logik von Herrschaft und Staatlichkeit sei mit sozialistischen, demokratischen Prinzipien unvereinbar. Die PKK wolle deshalb eine nichtstaatliche Gesellschaft autonomer Einheiten, die konföderal verbunden sind, aufbauen. »Wir wollen weltweit eine klassenlose, herrschaftsfreie Gesellschaft, wie es sie in den natürlichen Gesellschaften gab«, fasst Iskan Amed zusammen.

Beispiel durch Praxis

Die Mentalität, mit der die Guerilla an den Aufbau dieser Strukturen geht, ist eine, die der tatsächlichen Praxis Priorität einräumt. Theorie und Ideologie sind für die PKK zwar zentral. Aber eine von ihrer möglichen Umsetzung abgetrennte Theorie verachten die Kämpfer als leeres Gerede. »In der türkischen und europäischen Linken gibt es so viele Leute, die alles mögliche lesen, klug reden und dann nichts davon wirklich tun«, kritisiert Heval Azad, während wir vor unserem Tarnzelt Frühstück zubereiten. »Unsere Partei hat das von Anfang an anders gemacht.« Azad erzählt von den ersten Kämpfen der PKK, etwa gegen feudale Clans in Hilvan und Sivarek. Die meisten Menschen hätten die Herrschaft der Stammeschefs abgelehnt, aber aus Angst nichts unternommen. Die damals noch nicht sehr große Gruppe von Revolutionären um Abdullah Öcalan aber habe den Kampf einfach aufgenommen und so bewiesen, dass der mächtige Gegner geschlagen werden konnte.

Auch in der Agitation ist es wichtig, ein Vorbild durch reale Praxis zu geben. Heval Amed, ein junger Guerillakämpfer, der sich ebenfalls in unserer Stellung aufhält, erzählt eine Anekdote: »Du siehst ja, dass hier in den Bergen zum Beispiel nicht die Frauen den ganzen Tag in der Küche stehen und die Männer im Zelt sitzen und Tee trinken und sich bedienen lassen. Genau so läuft das aber oft bei Familien, bei denen wir zur Agitation zu Gast sind.« Patriarchale Verhaltensweisen seien weitverbreitet, und die Partei wolle sie überwinden, wo es nur geht. Es helfe aber in der Bevölkerung nichts, mit intellektuellen Worten zu erklären, warum Patriarchat und Männlichkeit zu überwinden seien. »So können wir dort nicht reden, wir würden niemanden erreichen. Wir machen das anders. Wir stehen einfach auf und gehen in die Küche, kochen, waschen ab. Dann entstehen Gespräche, wieso wir das machen.«

Die Praxis der PKK ist zugleich geprägt von einer immensen, für viele Linke in Europa kaum nachvollziehbaren Entschlossenheit. Jeder der Kämpfer beteuert, für seine Ideen und seine Genossen in den Tod zu gehen, sollte es nötig sein. Und tatsächlich ist die Parteigeschichte voll von solchen Beispielen. Von Mazlum Dogan, der sich aus Protest gegen Folter und unmenschliche Haftbedingungen im berühmt-berüchtigten Zindan-Gefängnis in Amed selbst verbrannte, über die Guerillera Zeynep Kinaci, die sich 1996 inmitten türkischer Soldaten in Dersim in die Luft sprengte, bis hin zu jenen Hunderten jungen Menschen, die bei der Verteidigung ihrer Stadtteile im Südosten der Türkei im vergangenen Jahr ihr Leben verloren.

Von außen mag diese Opferbereitschaft befremdlich wirken. Doch der Kampf der PKK findet in einer Region statt, die seit vielen Jahrzehnten eines der Hauptziele imperialistischer Interventionen ist und in der diktatorische Regime mit allen erdenklichen Mitteln ihre Macht zu sichern versuchen. Viele der Kämpferinnen und Kämpfer sprechen von einem »dritten Weltkrieg«, der vor allem in den geographischen Grenzen Kurdistans ausgefochten werde.

Die Idee der kurdischen Bewegung ist es, durch eine flexible Strategie der Bündnisse einen Freiraum für die eigenen politischen Projekte zu schaffen. Dass imperialistische Staaten keine Partner haben, sondern nur Interessen, ist ihnen durchaus bewusst. »Schau nach Syrien«, sagt Heval Azad. »Wie viele Länder dort kämpfen – die USA, Russland, der Iran, die Türkei, die Golfstaaten. Und so weiter. Wir können dort nicht kopflos agieren. Wir müssen genau sehen, wie wir unser eigenes Projekt durchsetzen können. Nehmen wir Manbidsch. Die Türkei ist bei Dscharabulus eingedrungen, hat einen Korridor geschaffen. Die USA haben ein Interesse, dass wir Rakka befreien. Jetzt sagen wir: Es ist doch offenkundig, wenn wir unsere Kräfte alle nach Rakka verschieben, dann greift die Türkei Manbidsch an. Damit können wir Druck auf die USA machen, Manbidsch zu schützen. Gleichzeitig verhandeln wir mit Damaskus und den Russen. Der Militärrat von Manbidsch hat dem Regime einen Korridor zugesichert. Auch die syrische Regierung und die Russen kennen die Türkei. Sie wissen, was ihre Ziele sind, und wollen sie nicht in Syrien haben.«

Diese Strategie funktioniert bislang weitgehend, auch wenn sie nicht ungefährlich ist. Das Spiel mit den Kräften, die man gegeneinander richtet und die sich so gegenseitig aufheben, öffnet jenen Freiraum, der den Aufbau eines politischen Projektes eröffnet. »Rojava ist noch ein Kind. Es ist wenige Jahre alt. Es muss sich noch entwickeln, ökonomisch, politisch und auf der Ebene des Bewusstseins, das noch vertieft werden muss. Und doch ist es für uns ein strategisch sehr bedeutender Ort. Wir können dort in der Praxis zeigen, wie unser System funktioniert.«

Als wir aus den Bergen zurück in das kurdische Flüchtlingslager Machmur im Nordirak kommen, treffen wir Heval Ruken. Heval Ruken ist keine Kurdin, dennoch lebt und arbeitet sie seit sieben Jahren in militärischen und zivilen Bereichen der PKK. Einmal fragen wir sie, was sie zu diesem Schritt bewegt hat. Sie antwortet lachend: »Ich mache jetzt etwas Propaganda. Wenn ihr mich fragt, gibt es nur eine Bewegung, in der eine Revolutionärin sich heute befinden kann, nämlich in der PKK. Ich habe das zu spät erkannt, aber heute würde ich um nichts im Leben meine Entscheidung rückgängig machen.« Heval Ruken kam aus der europäischen Linken hierher, war früher auch in Deutschland aktiv. »Wir haben so oft probiert, in Europa wieder eine ernsthafte revolutionäre Linke aufzubauen. Aber alle Versuche scheiterten. Hier, in Kurdistan, findet eine wirkliche Revolution statt.«

Auf unserem Weg durch Kurdistan treffen wir nicht wenige Menschen wie Heval Ruken, die aus Europa, Südamerika oder den Vereinigten Staaten kommen und sich der kurdischen Bewegung angeschlossen haben. Spricht man mit ihnen, erhält man immer die gleiche Antwort: Zu Hause in ihren Herkunftsländern sei die Linke unfähig, aus Grabenkämpfen auszubrechen. Politik sei für die meisten, die sich als Linke verstehen, eine Art Hobby, das man aufgeben kann. Ein wirklicher Bruch mit der bürgerlichen Gesellschaft finde nicht statt, der Revolution angemessene Ernsthaftigkeit gebe es kaum. »Politik kann nicht etwas sein, was man fünf Stunden in der Woche macht. Es ist dein Leben, deine Existenz. Für viele in Europa ist politische Arbeit aber nur eine Art Nebensache«, kritisiert Ruken.

Wie viele andere Internationalisten hier empfand sie ihr Leben in den kapitalistischen Metropolen als monoton und sinnlos. »Du hast mich vorhin gefragt, ob ich davor Angst habe, in der Guerilla zu sterben«, sagt Ruken. »In Europa sind wir alle wie tot, wir leben wie Roboter. Wir haben das Menschsein verlernt. Der Tod ist ja nicht nur etwas Physisches.« Wie Ruken sprechen viele Internationalistinnen hier. Ob man nun die Entscheidung, auf der Suche nach dem wirklichen Leben in Kurdistans Berge zu ziehen, richtig findet oder nicht: Zumindest der europäischen Linken sollte es zu denken geben, dass so viele ihrer überzeugtesten Aktivisten diesen Weg wählen.

Der Landesarbeitskreis Hêvî (kurdisch für Hoffnung) wurde 2014 zur Unterstützung der radikaldemokratischen Revolution in Rojava (Westkurdistan/Nordsyrien) von Mitgliedern der Linksjugend [‘solid] Baden-Württemberg gegründet. Mittlerweile sind wir als Bundesarbeitskreis (BAK) auch deutschlandweit aktiv – ein Zusammenschluss von Internationalist_innen, die sich mit weltweiten sozialen Kämpfen im 21. Jahrhundert auseinandersetzen. Unsere Solidarität gilt dabei denjenigen Bewegungen, die Abschaffung bestehender Herrschaftsverhältnisse und eine emanzipatorische Veränderung anstreben – zum Beispiel in Bezug auf kapitalistische Ausbeutung, patriarchale Unterdrückung und kolonialistische Bevormundung.

Analysen

Hier finden sich politische Analysen mit Bezug auf die revolutionäre kurdische Bewegung – auch solche, die nicht an solidarischer Kritik oder Selbstkritik sparen.

Material

Hier stellen wir eigene Materialien wie Flugblätter, Sticker, Plakate und Grafiken zur Verfügung. Auf Anfrage lassen sich diese auch für andere Initiativen überarbeiten.

Blog

Hier haben wir die Eindrücke unserer eigenen Delegation nach Kurdistan im Frühjahr 2015 festgehalten.

Kontakt

Den BAK Hêvî kontaktierst du am besten per per Mail oder über Facebook, wo es täglich Kommentare zu aktuellen Ereignissen in Kurdistan gibt.

“Alle Formen der Gewalt mit Ausnahme der legitimen Selbstverteidigung in Zwangssituationen sind absolut zu verurteilen.”

– Abdullah Öcalan